Resozialisierung des Hundes
Das Wort «Resozialisierung» hat in der Hundewelt in letzter Zeit einen festen Platz erhalten. Doch was heisst es eigentlich einen Hund zu resozialisieren?
Dieses Wort tauchte in unserem Sprachgebrauch bis vor einigen Jahren praktisch nur im Zusammenhang mit Straftätern auf, die wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden sollen. Sind Hunde die resozialisiert werden sollen also Straftäter? Wenn Du diese Frage mit «Ja» beantwortest, hast Du vom Hundeverhalten sehr wenig verstanden.
Wann kann eine Resozialisierung eines Hundes Sinn machen?
- Wenn er in seiner Sozialisierungsphase zuwenig kennengelernt hat (Umgebung, Geräusche, Artgenossen, Menschen usw.)
- Wenn er durch groben Umgang abgestumpft ist
- Wenn er durch mangelnde Führung überfordert ist
- Wenn ihm keine Alternativen geboten werden
Merkst Du etwas? Es ist NIE so, dass der Hund Schuld an seinem Problem hat, sondern immer ist es der Mensch, der Hunde in ein Fehlverhalten «zwingt». Ist der Hund deswegen nun ein Straftäter? Nein, ganz genau genommen ist der Mensch der das Fehlverhalten verursacht ein Straftäter und muss resozialisiert werden.
Die meisten Angebote, die man im Internet findet beziehen sich aber vom Text her immer auf den Hund. Der Hund kann irgendwo abgegeben und resozialisiert werden und ich als Besitzer zahle lediglich einen horrenden Preis und erhalte einen gut funktionierenden (resozialisierten) Hund zurück. So jedenfalls das Versprechen….bei etwas besseren Angeboten darf ich als Hundehalter sogar etwas mitarbeiten.
Sind wir aber ganz ehrlich, so liegt doch die Arbeit immer beim Menschen. Denn der Hund reagiert auf unser Verhalten. Probleme, die beim Hundehalter tagtäglich auftreten, sind beim Trainer überhaupt kein Thema. Kaum ist der Hund aus seinem «Resozialisierungsurlaub» wieder zuhause, treten die gleichen Probleme wieder auf.
Es ist also besser, wenn der Mensch in einen Resozialisierungsurlaub geht und dabei lernt, wie er seinen Hund besser lesen und verstehen kann, damit es in Zukunft keine Missverständnisse mehr gibt.
Immer wieder muss ich mir anhören «aber das ist mein xter Hund und ich hatte noch nie Probleme» oder «das hat mein vorheriger Hund nie gemacht» usw. Jeder Hund ist anders, individuell und auch nicht ausschliesslich an der Rasse festzumachen.
Also liebe Menschen: überlegt Euch nochmal, wie und warum man einen Hund resozialisieren sollte oder ob nicht lieber der Zweibeiner sich mal ein wenig hinterfragt und resozialisiert.
Hibbelhund
Dein Hund ist hibbelig. Draussen zerrt er an der Leine und will überall hin. Zuhause stalkt er Dich dauern, so dass Du weder alleine aufs Klo, noch in die Küche oder in ein anderes Zimmer gehen kannst ohne dass Dich Dein Hund begleitet.
Du kannst jetzt an der Leinenführigkeit arbeiten und sämtliche Methoden durchprobieren. Nichts wird helfen, das garantiere ich Dir. Weder positives Training mit Stehenbleiben, Warten und das Umorientieren zu Dir belohnen, noch irgendwelche aversiven Methoden mit Rappeldose, Wasser usw. Zudem machst Du zuhause Deckentraining, damit der Hund zur Ruhe kommt. Leider wird Dein Hund aber wie ein gespannter Pfeilbogen auf seinem Platz liegen und Dich weiter beobachten. Bei der nächsten Gelegenheit schiesst er auf und verfolgt Dich wieder.
Woran kann das liegen? Sehr oft an einer starken Reizempfänglichkeit. Solange die Reize auf Deinen Hund unkontrolliert einprassen, wird sich an Eurer Situation nichts ändern. Nun kommt der grosse Irrglaube vieler Hundehalter: Der Hund muss kopfmässig mehr ausgelastet werden und braucht vielleicht auch mehr Bewegung. Nein, was Dein Hund nun braucht, ist eine reizarme Umgebung während mehreren Stunden täglich. Aufenthalt in einem ruhigen Raum, wenn möglich zusammen mit Dir. Spaziergänge nur in ruhiger Umgebung mit vielen Pausen, wo er einfach nur schauen und verarbeiten kann. Bei Spaziergängen hilft solchen Hunden das Sprichwort: Der Weg ist das Ziel. Anstatt eine fixe Runde zu gehen, gehst Du nur solange, wie Dein Hund sich konzentrieren kann. Dann gibts wieder eine Pause, umdrehen und gemütlich nachhause gehen.
Dann gibt es auch mal einen Spaziergang in belebterer Umgebung. Aber nicht zu weit, sondern auch immer wieder Pausen zum beobachten und verarbeiten einlegen.
Wichtig sind auch mal Toberunden, wo sich der Hund mal richtig auspowern kann. Aber danach ist wieder einige Tage Ruheprogramm.
Es hilft Deinem Hund, sich an Dir orientieren zu können und wirklich in die Ruhe zu kommen.
Ach und übrigens: Reizoffene Hunde gehören zu Beginn niemals in Gruppenkurse. Sie können in Einzelcoachings viel besser da abgeholt werden, wo sie grade stehen.
Was heisst "Führung"
Woran liegen die meisten Verhaltensschwierigkeiten von Hunden begründet? Genau, in der mangelnden Führung des Hundes durch den Menschen! Dazu ein paar Beispiele:
- Der Hund pöbelt an der Leine Menschen/Hunde an
- Der Hund rennt bellend an die Tür wenns klingelt
- Der Hund bellt, wenn jemand am Garten entlang läuft
- Der Hund bellt oder springt Menschen an
- usw.
All diese Beispiele beruhen auf mangelnder Führung. Der Mensch reagiert meistens auf den Hund, nachdem dieser bereits die Aufgabe übernommen hat, die eigentlich dem Zweibeiner obliegt. Der Hundehalter MUSS aus der reagierenden in die agierende Position kommen und das gelingt nur durch vorausschauende Führung.
Das bedeutet, dass ich z.B. die Hunde zurückrufe, wenn ich vor einer unübersichtlichen Kurve stehe und nicht warte, bis die Hunde mit alarmieren. Denn wenn der Hund alarmiert, hat er die Aufgabe bereits übernommen.
Ich gehe einer Mauer entlang, in der Durchgänge eingelassen sind. Den Hund führe ich mauerseitig, jemand kommt überraschend ums Eck und der Hund springt die Person an. Er hat damit wieder die Aufgabe übernommen. Hätte ich ihn mauerabgewandt geführt, hätte ich das verhindern können und damit die Führung übernommen.
Das Problem liegt also beim Menschen, weil er immer auf den Hund reagiert und nicht vorgängig die Situation erfasst und dementsprechend mit dem Hund agiert
Territoriales Verhalten
Viele Hunde zeigen territoriales Verhalten. Je nach Veranlagung zeigt er schwächere oder stärkere Neigungen dazu.
Hat man einen Hund, der rassetechnisch zu Territorialverhalten neigt, ist es sinnvoll bereits im Welpenalter entsprechend mit dem Training zu beginnen. Klingelt es an der Tür, darf der Hund nicht zur Tür rennen oder seinen Menschen zur Tür begleiten, sondern er darf lernen, auf seinem Platz liegen zu bleiben (oder wird in eine Box oder in ein Zimmer verbracht). Er darf erst dazukommen, wenn der Besuch sich hingesetzt hat. Bei ausgeprägtem Verhalten wie z.B. Besucher kontrollieren und verbellen während deren Aufenthalt im Territorium, so muss der Hund an der Leine gehalten werden, bei Bedarf auch mit Maulkorb gesichert.
Gerne helfe ich Dir bei Fragen zum Training weiter. Selbstverständlich ist das nicht aller Tage Abend und der Hund muss nicht immer so behandelt werden. Aber der Hund darf lernen, dass Du die Situation jederzeit im Griff hast und Du seine Hilfe nicht benötigst. Sobald er das verinnerlicht hat, darf er mehr und mehr Freiheit geniessen.
Woran erkennst Du territoriales Verhalten?:
- Abwandern und kontrollieren von Flächen
- Markieren mit Urin- und Kotmarken an den territorialen Grenzen
- Wuffen bei Geräuschen
- Verbellen und Angehen von Menschen und Tieren, die zu nah an die Grenzen treten, resp.
diese überschreiten
- Kontrollieren und verbellen von Personen, die sich im Territorium bewegen (wollen).
Vorsicht ist aber dann geboten, wenn der Hund das Verbellen und Angehen von Personen und Tieren nicht nur in seiner nächsten Umgebung, sondern auf Spaziergängen in ihm fremden Gegenden zeigt. In diesem Fall handelt es sich entweder um Beschützertrieb Dir gegenüber oder um Unsicherheit. Es macht also durchaus Sinn, dass Verhalten von einem kompetenten Trainer anschauen zu lassen, damit es nicht durch falsche Trainingsansätze ungewollt verstärkt wird.
Welpen"produktion"
"Meine Hündin soll einmal Mama werden. Welpen sind ja schliesslich zuckersüss und zwei Monate Pflege sind leicht zu wuppen".Leider werden aber die Konsequenzen, die Anforderungen und der Aufwand zu wenig bedacht und wenn Profis ihre skeptische Meinung zu dem Vorhaben äussern, werden deren berechtigte Bedenken in den Wind geschlagen. Welpen aufzuziehen erfordert ein Mindestmass an Fachwissen und viel Zeit, damit aus den kleinen Würmchen auch wirklich selbstsichere, gut sozialisierte Hunde werden. Dieser Aufwand ist nebst Beruf und Familie fast nicht zu stemmen. Dann ist es auch wichtig zu schauen, welche Hunde verpaart werden. Gesundheit, erbliche Belastungen, Charakterschwächen usw. müssen bedacht und sorgfältig abgewogen werden. Schliesslich möchte doch jeder gesunde, kräftige und psychisch stabile Welpen an die neuen Halter abgeben. Also benötigt man ein Mindestmass an Kenntnis von Erbkrankheiten wie z.B. Hüft- oder Ellenbogengelenksdysplasie, Spondylose, MDR1-Defekt u.v.m.Dann kommen wir zur moralischen Frage. Jährlich werden fast 2500 Hunde in Tierheimen abgegeben. Dazu kommen noch zig tausend Hunde, welche jährlich über den Auslandstierschutz in die Schweiz kommen. Weshalb soll man denn noch mehr Hunde in die Welt setzen, die dann evtl. später im Tierheim landen?Das die Hündin mal Mama sein darf, sich damit einen Traum erfüllen kann, ist reichlich naiv gedacht. Solches Denken erfordert Verstand und die Sexualität von Tieren hat rein mit Triebverhalten und nichts mit rationalem Denken zu tun. Wer das anders sieht, vermenschlicht seinen Hund in meinen Augen. Während der Trächtigkeit kann es zu z.T. lebensgefährlichen Zwischenfällen wie z.B. Gebärmutterverdrehungen, Absterben eines Welpen im Mutterleib o.ä kommen und damit risikiert man das Leben der Hundemutter. Selbst ist man auch zu unerfahren, allällige Symptome richtig zu deuten und entsprechend zu handeln. Vom Geburtsvorgang und den allfälligen Schwierigkeiten wollen wir gar nicht sprechen. Sind die kleinen Würmer dann mal auf der Welt, braucht es das richtige Umfeld, ganz viel Engagement des Besitzers für die Sozialisierung der Kleinen auf allerlei Umweltreize, einige Tierarztbesuche und und und. Später dann muss man die richtigen Besitzer für die Welpen finden und wenn Probleme im neuen Zuhause auftreten, sollte man als verantwortungsvoller "Züchter" den Käufern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Vom Trennungsschmerz bei der Abgabe ganz zu schweigen. Zudem werde ich immer wieder für die Vermittlung von unüberlegt und spontan gekauften Hunden zu Hilfe gerufen. Das tut mir im Herzen weh.In diesem Post sind jetzt wirklich nur grad die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Bitte überlegt Euch gut, ob Ihr einfach Welpen "produzieren" wollt, damit Eure Hündin mal Mama sein darf.
Aufbau Bindung/Vertrauen
In Familien- oder Mehrpersonenhaushalten ist immer wieder zu beobachten, dass Hunde ihre Lieblingsmenschen haben. Manchmal sind da auch Diskrepanzen zu den menschlichen Wünschen und menschlicher Logik. In diesem Beitrag möchte ich versuchen, die Optik des Hundes auf menschliches Verhalten etwas zu beleuchten.
Personen die dem Hund Sicherheit und Struktur bieten, werden vom Hund als Fels in der Brandung erlebt. Wenn Du Deinen Worten immer entsprechende Taten folgen lässt, wirst Du für Deinen Hund berechenbar und er wird Dir vertrauen. Ich nehme mal ein einfaches Beispiel: Der Hund darf nicht aufs Sofa. Du als zuverlässige Vertrauensperson änderst Deine Meinung nicht ständig und der Hund darf generell nicht aufs Sofa.
Nun gibt es aber auch Menschen die denken, je mehr Freiheit ich dem Hund lasse, umso mehr wird er das mit Bindung verdanken. Das kann bei Hunden klappen, die von Natur aus bereits souverän und selbstbewusst sind. Das ist aber ein relativer kleiner Anteil. Die meisten sind froh, wenn sie angeleitet und unterstützt werden.
Ein weiterer wichtiger Teil ist, den Hund lesen zu können und so seinen Bedürfnissen Befriedigung zu schenken. Ist Dein Hund eher unsicher im Umgang mit der Umwelt, so regle solche Dinge für ihn. Das kann je nach Auslöser der Unsicherheit in verschiedenen Formen passieren:
- Nur kontrollierte und ruhige Hundebegegnungen
- Hund zu sich nehmen oder anleinen bei Begegnungen
- Den Hund nicht unbeaufsichtigt resp. frei im Garten lassen
- usw.
Auch wichtig ist, Rituale resp. Struktur in den Tag zu bringen. Rituale, d.h. wiederkehrende und immer gleich ablaufende Tätigkeiten geben dem Hund Sicherheit, weil er weiss was als nächstes passiert und er sich darauf einstellen kann.
Ich bin also nicht böse gegen den Hund, wenn ich ihm etwas verbiete, ihm Grenzen setze und ihn anleite. Ganz im Gegenteil. Ich werde für den Hund berechenbar und vertrauenswürdig. Es kehrt Ruhe ein und der Hund muss nicht alles selber regeln und entscheiden.
Natürlich soll ich mir auch täglich mindestens 30 Minuten Komfortzeit für meinen Hund nehmen. Wie diese Zeit verbracht wird, ist sekundär. Hauptsache ist, dass ich mir wirklich Zeit ausschliesslich für ihn nehmen. Seien das nun Schnüffelspiele, Agility, Mantrailing oder aber auch "nur" streicheln und kraulen. Keine Handy, kein Computer, kein TV…..einfach Du und Dein Hund!
Hundeerziehung in der heutigen Zeit
Ja, Hundeerziehung wird oft romantisiert — besonders in sozialen Medien, Werbung und manchen Trainings-Communities.
Die Vorstellung, dass gute Erziehung nur eine Frage von Liebe oder „richtiger Energie“ sei. Vorher-Nachher-Videos ohne Kontext über Stress, Rückschritte oder monatelange Arbeit.
Aussagen wie „ein Hund muss nicht erzogen, sondern mit Liebe und Verständnis geführt werden". Dabei werden individuelle Bedürnisse, Genetik, Ängste und Grenzen völlig ausser Acht gelassen.
In Wirklichkeit ist Hundeerziehung oft:
repetitiv, inkonsequent, abhängig vom Alltag des Menschen,
stark von Rasse, Alter und Vorgeschichte beeinflusst und manchmal schlicht anstrengend.
Besonders romantisiert wird manchmal auch das Bild der extrem engen Mensch-Hund-Bindung — als würde ein Hund von sich aus die emotionale Leere, Einsamkeit und/oder Strukturprobleme des Menschen einfach so lösen können. Für manche Menschen stimmt das teilweise, aber ein Hund bringt genauso Verantwortung, Einschränkungen und Stress mit sich. Wenn also der Mensch schwach und strukturlos ist, kann der Hund sich nicht an ihm orientieren und wird zusehends unsicherer.
Arbeitet man als Hundetrainer zwischendurch leicht aversiv, weil man mal eine Grenze durchsetzen will, wird man direkt in der Luft zerrissen und als Tierquäler dargestellt. Ganz egal mit was für Hunden man arbeitet, es muss immer lieb, harmonisch und friedlich zugehen. Die Realität ist aber eine andere. Gerade auf dem Gebiet der Gebrauchshunderassen (Schäfer-, Jagd- und Hütehunde z.B.) sind konsequentes Arbeiten und klare Grenzen setzen unbedingt notwendig. Dabei muss selbstverständlich die individuelle Disposition des jeweiligen Hundes angeschaut werden, damit die Intensität des Trainings (Intensität heisst nicht Härte, sondern Genauigkeit) angepasst werden kann.
Viele Menschen sagen auch, dass sie keinen Roboter aus ihrem Hund machen wollen. Das finde ich auch sehr wichtig und gut, allerdings ist es m.E. notwendig, dass ich mich auf meinen vierbeinigen Kameraden und seinen Gehorsam jederzeit und in jeder Situation verlassen kann. Freiheit kann ich nur gewähren, wenn ich vollestes Vertrauen haben kann. Vertrauen kann ich nur haben, wenn der Hund einen guten Gehorsam hat.
Eine gute Hundeerziehung ist sehr erfüllend und vereinfacht den Alltag sehr — nur eben meist nicht so mühelos oder ästhetisch, wie sie dargestellt wird.